Jahresfahrt 2018:
Die überlieferte Messe flüchtet zu den Wolga-Lutheranern

Im November pilgerte die Moskauer Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu zu ihren Freunden nach Kasan, der Hauptstadt der autonomen Republik Tatarstan in der Russischen Föderation. 

Ziel der Reise: ein Mess-Triduum, das im Rahmen der Jahresfahrt der Gesellschaft vom 9. bis 11. November stattfand. Dazu schickte der Himmel die strahlende Sonne und die Hölle den eisigen Wind. Seit ihrer Gründung vor acht Jahren hat die Gesellschaft die Flamme der Heiligen Messe schon in acht Städte Russlands getragen. 

Kasan ist eine blitzblanke Stadt an der stolzen Wolga, ein Fluss, der in der Breite eines Sees still und majestätisch entlangzieht und die Pilger zurückhaltend bei ihrer Ankunft grüsste. Die Stadt gehört zur Diözese in Saratow (gesprochen: Sarátaw), die zu Zeiten der sowjetischen Gottlosigkeit, den fast-frommen Namen «Engels» trug. Dort wirkt der im Sächsischen Colditz geborene Bischof Clemens Pickel.

Das eindrückliche Herz Kasans ist der weisse, frisch herausgeputzte Kreml mit seinen Türmen und einer glanzvollen, weit sichtbaren Moschee, die in der Nacht kunstvoll beleuchtet ist und Tausend-und-eine-Nacht-Gefühle hervorruft. Sie wurde erst vor wenig mehr als zehn Jahren errichtet. Dennoch blickt sie in die weite Landschaft, als ob sie schon immer dagestanden wäre. Sie ist das Symbol für eine aufstrebende Religion und steht im scharfen Gegensatz zu den gräulich depressiven Aschenputtel-Bauten einer neo-katholischen Kirche, die sich im Namen einer zur Ideologie verkommenen «Armut» selber aus der Landschaft radiert. 

Die frommen Pilger bestiegen am 9. November am riesigen Moskauer Flughafen Domodedowo eine Maschine der zweitgrössten russischen Fluggesellschaft S7, die wegen ihrer grünen Farbe von den Russen auch Gurken-Airline genannt wird. Der Flug nach Kasan dauerte 90 Minuten. Die Stadt liegt 720 km östlich von Moskau. Mit im Gepäck war Don Reto Nay von www.gloria.tv

Weil Don Reto mit Ach und Krach Russisch versteht, sofern man die gleiche Sache hundertmal wiederholt, konnten die Beichten während der Jahresfahrt auf Russisch abgenommen werden, eine zweifellos gnadenbringende Demutsübung für die Beichtlinge. Don Reto besuchte in den Jahren 1981 und 1982 die damalige Sowjetunion – von Russland sprachen damals nur einige vorrevolutionäre Nostalgiker. Das Land, besonders Moskau, war nach so vielen Jahren für ihn nicht wiederzuerkennen. Aus der Asche der fortschrittlichen, modernen, zeitgemässen, sozialistischen, grauen Sowjetunion ist ein wunderschönes Land auferstanden, das von den westlichen Regime-Journalisten aus barem Neid gehasst wird. 

Tatarstan gehört seit dem denkwürdigen Jahr 1552 – dem Sieg Iwans des Schrecklichen über die Tartaren – zum Russischen Reich. In Deutschland starb im gleichen Jahr Katharina von Bora, Luthers entlaufene Nonne und Ehefrau. Der freche Iwan betrat den Kasaner Kreml mit dem denkwürdigen Ausspruch: „Теперь мы будем жить здесь – Jetzt werden wir hier leben“. Aus Dankbarkeit für seinen Sieg errichtete er die weltberühmte kunterbunte Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau. Alleine deshalb hat sich die Eroberung Kasans gelohnt. 

Die Herz-Jesu-Pilger besuchten die Stadt auf Bitten der örtlichen tatarischen Katholiken, die keine regelmässige Möglichkeit haben, die überlieferte Messe zu besuchen. Sie haben das ungeteilte Mitleid der Moskauer, die jeden Sonntag und an den meisten Feiertagen vor dem Altar der Messe aller Zeiten knien dürfen. 

Die zweifellos vom Heiligen Kirchenlehrer Gregor dem Grossen höchstpersönlich inspirierte Idee, der Bitte Folge zu leisten und Kasan mit der Alten Messe zu beglücken, stieg im Apostolatsleiter der Herz-Jesu-Gesellschaft Grigorij Rolandowitsch Huber schon letztes Jahr auf. Grigorij Rolandowitsch ist ein noch in Deutschland (Bühl/Baden) geborener Russlanddeutscher. Schon im Jahr 2017 nahm er mit dem Kasaner Pfarrer Kontakt auf und bat ihn um die Kirche. Die örtlichen Priester gehören zur argentinischen Priestergemeinschaft Verbo Encarnado. Geduldig erklärte er dem Geistlichen, Pater Andrej Starzew IVE, den grossen Vorteil, den die Zelebration der römischen Messe für das geistliche Leben seiner Herde haben würde. Er sagte ihm auch, dass die Herz-Jesu-Gesellschaft in der Erzdiözese Moskau offiziell die lateinischen Messen in der Krypta in der Kathedrale organisiert. An diesen hochheiligen Handlungen nehmen an Sonn- und Feiertagen bis zu fünfzig Gläubige teil.

Die Gespräche zogen sich hin. Probleme mit dem neuen Kathedralenpfarrer in Moskau (offizielle Androhung, die Tridentinische Messe zu verbieten und frech durchgeführte Umbauten am Tridentinischen Opferaltar) sowie weitere Arbeiten kamen hinzu. Schliesslich wurde die Bitte der Herz-Jesu-Gesellschaft von der Kasaner Pfarrei unbeschadet der kirchlichen Barmherzigkeits- und Dialog-Inflation sang- und klanglos abgeschmettert. Die Pilger besannen sich auf Matthäus 6,5s: 

«Wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. 6 Wenn aber du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich» (Luther-Übersetzung).

Bei so viel katholischer Bibeltreue kamen der Herz-Jesu-Gesellschaft - schwupps - die Lutheraner zu Hilfe. Sie stellten ihr – Ironie der Kirchengeschichte und des Ökumenismus – die schöne evangelisch-lutherische Kirche in Kasan, die der Heiligen Ekatherina geweiht ist, zur Verfügung. Wie Maria zu Elisabeth begab sich der seeleneifrige Apostolatsleiter Grigorij Rolandowitsch, im Sommer eilig ins tatarische Flachland und absolvierte in Kasan einen eintägigen Vorbereitungsbesuch. Schnell konnten alle Fragen geklärt werden. Dem Triduum stand nichts mehr im Weg. 

Die Pilger wurden von Pastor David Horn und dem ehemaligen Pastor, Christian Herman, der die Gemeinde aufbaute, diese 15 Jahre lang betreute und inzwischen nach Ludwigshafen/Deutschland ausgewandert ist, mit deutsch-russischer Herzlichkeit begrüsst. 

Zum Empfangskomitee gehörte auch die alle und alles überragende Gestalt des legendären Viktor Dietz. Er ist der Vorsitzender der national-kulturellen Autonomie der Deutschen Tatarstans, Direktor des Deutschen Hauses in der Republik Tatarstan, Vorsitzender der Deutschen Karl-Fuchs-Gemeinschaft zu Kasan, Ehrenmitglied des Kirchenrates der Evangelisch-lutherischen Gemeinde Kasan, Buchautor, König, Kaiser und Khan aller Wolgadeutschen in Tatarstan und darüber hinaus. 

Er und Pastor Horn nahmen eifrig an den Heiligen Messen teil. Nur mit dem Knien hatten sie Probleme, aber das wurde ihnen – sie sind schliesslich Lutheraner – verziehen. Die Gastgeber hätten nicht zuvorkommender und freundlicher sein können. Die göttliche Vorsehung hat Humor. Das, worauf wir bei den Katholiken verzichten mussten, erhielten wir hundertfach zurück (cfr. Mt 19,29). Kaiser Viktor I. lud die Herz-Jesu-Pilger am Samstag nach der Messe sogar ins Restaurant ein, und zwang uns trotz Protesten, eine hervorragende Fischsuppe zu konsumieren. 

Beim Eintritt in die lutherische Kirche konnten die glücklichen Herz-Jesu-Pilger feststellen, dass das Zweite Vatikanische Pastoralkonzil spurlos an den Lutheranern vorbeigegangen ist: Die Kirche wurde durch keinen „Volksaltar“ verunstaltet. Das ist für die Feier der katholischen Messe optimal. Die erste Messe fand am Freitagabend statt. Vor dem Beginn der heiligen Handlung wurde die Kirche ausgesegnet. Nach der Messe hielt Don Reto den ersten Teil einer Katechese über die drei Teile der Messe. Am Samstagabend erklärte er zum Beispiel dem blass erstaunten Publikum, dass die Messe „kein Opfer“ sei. Die Befürchtung, dass ihm der lutherische Genus Loci kurzfristig den Verstand umgarnt hätte, erwies sich im letzten Moment als gegenstandslos, als er weiterfuhr: «Die Messe ist nicht ein Opfer, sondern fünf Opfer.» Nämlich: das Opfer des Abel (Offertorium), das Opfer des Abraham (Beginn des Kanon), das Opfer des Melchisedek (Konsekration), das Opfer der Kirche (nach der Konsekration) und das trinitarische Opfer (Per ipsum). 

Die fünffältige Gestalt des Opfers ist nach den fatalen liturgischen Experimenten im Gefolge des Zweiten Vatikanums wie unter Trümmern begraben worden. Don Reto wies darauf hin, dass nicht alle Schuld auf das Pastoralkonzil fällt. Denn die Ansicht, dass der Papst die Liturgie mehr oder weniger nach Lust und Laune «ändern» könne, ist älter. Schon Pius X. (+1914) machte schwerwiegende Eingriffe ins Brevier und in den Heiligenkalender, veränderte die Ordnung der Sakramente, indem er die Kommunion vor die Firmung stellte und spaltete die Heilige Messe in zwei Teile, indem er die Predigt wie einen Keil ins Herz der Heiligen Messe rammte. Seinem Beispiel der liturgischen Herumflickerei folgten viele Päpste nach ihm. Was «klein» begann, artete innerhalb eines halben Jahrhunderts aus, bis zur heutigen Auflösung der Liturgie in völlige Beliebigkeit und Irrelevanz. 

Die Predigten und Vorträge wurden von Gregorij Rolandowitsch souverän simultan übersetzt. Er amtete bei den Messen auch als Ministrant zusammen mit Dr. Nikita Glazunow, einem jungen Kasaner Rechtsanwalt. Der Gregorianische Choral in der Sonntagsmesse wurde von der jungen Kernphysikerin Anna Schumakowa, welche die Schola der Moskauer Herz-Jesu-Gesellschaft leitet, und von der jungen Kazaner Biologin Gloria Glazunowa, die Ehefrau von Nikita, gesungen. 

Die Glazunows waren für die Moskauer Delegation auch als Pilgerführer tätig. Sie begleiteten sie durch die Stadt Kasan, zum Beispiel zur ehemaligen Katholischen Kirche, die von den Bolschewiken enteignet und in ein Forschungsinstitut für Aviationstechnik der Technischen Universität A.N. Tupolew umfunktioniert wurde. Im Inneren der Kirche befindet sich heute eine riesige Windturbine. Das Gotteshaus erlitt so viele bauliche Veränderungen, dass die Diözese nach dem Ende der Sowjetunion nicht auf eine Rückgabe pochte. Als Entschädigung erhielt die Pfarrei staatliche Unterstützung und errichtete damit eine Replik der alten Kirche in einem anderen Stadtteil. 

Am strahlend-eiskalten Samstagnachmittag besuchten die Pilger den Kasaner Friedhof. Dort fanden sie einige katholische Gräber, die auf polnisch angeschrieben sind. Don Reto segnete die Gräber und sprach Ablass-Gebete für die Verstorbenen. Auf dem Friedhof gibt es auch eine aus zaristischer Zeit stammende katholische Kapelle. Sie wurde aus Gründen, die uns nicht klar waren, den Russisch-Orthodoxen übergeben, die darin eine Sonntagsschule einrichteten. 

Natürlich besuchten die Pilger auch die Novus-Ordo-Pfarrkirche, wo ihnen drei Abbildungen des Heiligsten Herzens Jesu entgegenblickten. Die Liebe ist aber nur abgebildet. Die Kirche ist, gemessen an dem, was man heute als abgebrühter Katholik erwartet, recht schön. Schade nur, dass eine Bohrmaschine, die offenbar in einem Nebenraum zur reichlichen Anwendung kam, die Andacht auf die Probe stellte und das Presbyterium der Kirche vor allem dazu zu dienen scheint, um Stühle abzustellen. 

Wenn bei dem einen oder anderen Pilger auf dem Rückflug nach Moskau vor Erschöpfung die Augen zufielen, so besass Don Reto noch die Kraft um nicht nur das Brevier, sondern auch das brandneue Buch von Pater Thomas Huber zu lesen. Das Buch heisst „Russland und die Messe aller Zeiten“ (Patrimonium-Verlag, Aachen, Oktober 2018). Pater Thomas begleitete in den Jahren 2012 bis 2015 seinen jüngeren Bruder und Apostolatsleiter Grigorij Rolandowitsch auf dessen Herz-Jesu-Pilgerreisen quer durch Russland. Ungeachtet der russischen Weiten, welche die Gedanken ins Endlose abschweifen lassen, entstand mit diesem Buch ein präziser, knapper und klarer Messkommentar zur überlieferten Messe und ein Reisebericht, in dem erzählt wird, was man erlebt, wenn man im Schosse von Mütterchen Russland die Heilige Messe zelebriert. Das Buch kann hier portofrei erworben werden: https://www.buecher.de/shop/kirche/russland-und-die-messe-aller-zeiten/huber-thomas/products_products/detail/prod_id/53909943/

Gott alleine weiss, wie er den Samen der Herz-Jesu-Jahresfahrt nach Kasan aufgehen lassen will: «Wir hoffen, dass wir etwas dazu beitragen konnten, der Gottheit in den Weiten Tatarstans das perfekte Opfer darzubringen, sowie, sozusagen als Abfallprodukt, tatarische und andere Seelen - unsere eingeschlossen - zu retten», erklärte eine Teilnehmerin: «Uns bleibt die Dankbarkeit, das Gott in seiner Grosszügigkeit, uns unwichtige Wichte dazu ausersehen hat, den Feuerstrahl des Opfers Christi über der stolzen Wolga aufleuchten zu lassen.» 

Leider muss auch erwähnt werden, dass die Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu, vor allem deren Kasse, bei dieser Missionsreise nicht ungeschoren davongekommen ist. Sie wurde leergespült. Darum bittet die Gesellschaft jene, welche ihre Anliegen in den fast endlosen russischen Weiten unterstützen wollen, um eine Spende. 

Es gibt keinen Zweifel, dass Mütterchen Russland weit weniger versaut ist als die heruntergekommenen westlichen Scheindemokratien. «Aber auch in Russland muss der Glaube wie ein Löwe kämpfen, um zu überleben», so der Apostolatsleiter der Herz-Jesu-Gesellschaft nach über sechzehn Jahren Leben und Arbeiten in Moskau. 

«Damit die Messe, die zu Zeiten Fatimas zelebriert wurde, auch heute in Russland die Altäre zum Glühen bringt, müssen wir vor Ort sein und Hilfe erhalten durch Gebet und Spenden», so Grigorij Rolandowitsch. Beides wünscht sich die Herz-Jesu-Gesellschaft als Geschenk zu Weihnachten 2018, damit sie im Lande der Prophezeiungen von Fatima die Netze für die unsterbliche Liturgie der Kirche auswerfen kann. 



Lesen Sie hier die Reiseberichte der vergangenen Jahre.